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„Angst habe ich eigentlich keine!“

Erich Fischnaller ist Comboni-Bruder in einer der brisantesten Gegenden der Welt – im Südsudan. Lomin in der Kajo-Keji-Region ist seit 2004 der Wirkungsort des 67-jährigen gebürtigen Mühlbachers. In den letzten Jahren gab es im Vinzentinum immer wieder Benefizaktionen zugunsten der Missionsstation von Lomin. Erstmals seit acht Jahren weilt Fischnaller derzeit auf Heimaturlaub.

Auf dem so genannten Fragile-States-Index, dem Ranking der instabilsten Staaten der Erde, belegt der erst seit 2011 unabhängige Südsudan – noch vor Somalia und der Zentralafrikanischen Republik – den unrühmlichen ersten Platz. Wie ist die tatsächliche Lage im Land?
Es hat eigentlich recht gut begonnen. Sogar der Präsident des nördlichen Sudan war bei den Feiern zur Unabhängigkeit zugegen. Doch vor rund drei Jahren entließ der dem Stamm der Dinka angehörende Präsident Salva Kiir Mayardit seinen Vize Riek Machar von den Nuer und dazu noch einige Minister. Er hatte wohl Angst, die Macht zu verlieren und hat damit einen Stammeskrieg ausgelöst.

Ist Ihre Station auch von den Unruhen betroffen?
Wir sind Gott sei Dank in einer recht glücklichen Lage – 20 Kilometer von der Grenze zu Uganda entfernt auf dem Stammesgebiet der Kuku, die sich aus dem Krieg zwischen Dinka und Nuer raushalten. Die Kriminalitätsrate ist aber merklich gestiegen, denn das Geld der Menschen ist nichts mehr wert. Früher bekam man für einen Dollar vier südsudanesische Pfund. Zwischenzeitlich war das Verhältnis jedoch sogar 1 zu 44.

Ist es nicht beklemmend, in dieser Gegend zu leben?
Angst habe ich eigentlich keine. Es kommt ohnehin wie es kommt. Aber außerhalb unserer Region ist es schon gefährlich. Erst unlängst wurde einer unserer Fahrer bei einem Überfall getötet, nachdem er einen Altar und einen Tabernakel aus unserer Werkstatt in die Hauptstadt Juba geliefert hatte. Ein weiterer unserer Arbeiter kam mit einem Streifschuss davon. Aus Sicherheitsgründen wird die Strecke in die Hauptstadt nur mehr im gesicherten Konvoi befahren. Dennoch haben – dem Vernehmen nach – marodierende Regierungstruppen die ersten Autos des Konvois, unter denen auch unseres war, angehalten. Sie raubten die Leute aus und zwangen sie, sich auf den Boden zu legen. Dann haben sie sie der Reihe nach erschossen.

Regierungstruppen sollen das getan haben?
Ja. Die Truppen werden schlecht oder gar nicht bezahlt. Die Löhne sind auch während der Hyperinflation nicht gestiegen. Mittlerweile agieren viele der bewaffneten Truppen daher als Straßenräuberbanden und überfallen Autokonvois. Einer unserer Arbeiter hatte bei dem Überfall riesiges Glück. Nachdem unser Fahrer als erstes von sieben Opfern exekutiert wurde, wäre er an der Reihe gewesen. Doch das Projektil wurde durch seinen Arm, den er schützend über den Kopf hielt, abgelenkt und drang nicht in den Schädel ein. Die Angreifer dachten dennoch, er sei tot. Das rettete ihm das Leben. Neben ihm hat nur ein dreijähriges Kind überlebt, das die Angreifer verschont haben.

Der Bedarf an Seelsorge ist in so einem Gebiet wohl sehr groß. Oder ist die Missionsarbeit mehr praktischer Natur?
Ich bin kein Geistlicher. Wir haben zwei Comboni-Priestermissionare aus Togo in der Station, die die Menschen seelsorglich betreuen. Mir geht es darum, allen Menschen – egal ob Christ oder Moslem – zu helfen, dass sie etwas lernen. Wir haben in der Station eine Tischlerei, eine Schlosserei, eine Mechanikerwerkstatt, eine Weberei und eine Bäckerei, die ich betreue. 80 Arbeiter sind in den Werkstätten beschäftigt und wir produzieren für das ganze Land. Die Lieferungen erfolgen per Schiff oder LKW und manchmal sogar per Flugzeug. Mit dem LKW ist man nämlich schon einmal bis zu einer Woche unterwegs, wenn es in entferntere Teile des Landes geht.

Sie haben gesagt, sie helfen Christen und Moslems gleichermaßen. Wie ist die Situation zwischen den verschiedenen Religionen?
Religion ist eigentlich kein Thema insofern, dass alle ihren Glauben frei ausüben. Es sind im Südsudan fast 80 Prozent Christen. Religionskonflikte gibt es kaum. Es sind vielmehr die Stämme, die sich bekriegen. Sowohl die Dinka als auch die Nuer sind mehrheitlich Christen.

Wie läuft die Arbeit in den Werkstätten so ab?
Die Bedingungen sind schwierig. Bis heute gibt es keine Post und keine Stromleitungen. Alles läuft über Aggregate oder Solarstrom. Lediglich das Handynetz funktioniert. Das erleichtert zumindest die Kommunikation. Dennoch sind wir eine Anlaufstelle für sehr viele. Die Menschen begegnen einem – besonders als Weißer – voller Hoffnung. Täglich kommen Leute und fragen nach Arbeit. Ich bin der einzige Europäer in der Gegend und man kennt mich mittlerweile.

Man kann sich vorstellen, dass die Verständigung auch nicht ganz einfach ist. Läuft alles auf Englisch ab?
Mittlerweile schon. Die Alten sprechen noch viel Arabisch. Die Jungen immer mehr Englisch. Im Südsudan gibt es 45 Stämme und ebenso viele Sprachen. In Südafrika habe ich noch Zulu und Sotho gelernt. Da war ich auch noch jung (lacht). Hier spreche ich immer Englisch.

Apropos jung. Sie sind mittlerweile seit über 40 Jahren in Afrika tätig. Wie hat das alles begonnen?
Vor fast 60 Jahren habe ich in Mühlbach einen Lichtbildervortrag eines Comboni-Missionars gesehen und mir gedacht: „Das möchte ich auch machen.“ Mit 16 bin ich dann in Milland eingetreten und habe in Deutschland mein Noviziat gemacht. Ich habe Tischler gelernt und bin dann in ein so genanntes „Homeland“ der schwarzen Bevölkerung nach Südafrika versetzt worden.

Sie haben also die Zeit der Apartheid erlebt?
Ja. Als Weißer durfte man eigentlich nicht in die Homelands. Nur wenn man dort eine Farm betrieb. Also haben wir damals eine Farm gekauft, um mit der lokalen Bevölkerung arbeiten zu können.
Wir haben es Nelson Mandela zu verdanken, dass das Ganze nicht in einem Blutbad geendet hat. Ich denke, dass damals ein blutiger Aufstand der schwarzen Bevölkerung unmittelbar bevor stand. Mandela hat das verhindert und hat sich – im Gegensatz zu vielen anderen politischen Führern in Afrika – nicht an die Macht geklammert. Ein Beispiel für alle anderen.
Ich muss auch sagen, dass ich den ärmsten Menschen nicht im Südsudan, sondern in Südafrika begegnet bin. Viele haben die Diagnose AIDS bekommen und man hat gesehen, wie dadurch ihre Existenz zerstört war.

Den Menschen im Südsudan geht es aber auch nicht besser, oder?
Ich sage mal, wer im Südsudan Hunger leidet, ist selber Schuld. Das Land ist sehr fruchtbar. Alles wächst und gedeiht. Der Stammeshäuptling teilt den Menschen Grund zu und sie können alles anbauen. Es gibt auch viele Flüsse. Nur ist das Wasser meist sehr verschmutzt. Das Hauptproblem ist aber, dass die Infrastruktur – wie gesagt – als Folge des Krieges komplett fehlt. (Anm.: Im Südsudan herrschte zwischen 1955 und 1972 sowie zwischen 1985 und 2005 Bürgerkrieg). Eine unserer Aufgaben ist es daher auch, Brunnen für sauberes Trinkwasser zu bohren. Zudem betreiben wir eine Klinik und ein College.

Wie werden diese ganzen Projekte finanziert?
Von der Regierung bekommen wir nichts. Wir sind auf Spenden angewiesen. Das Missionsamt, Stiftungen in den USA, Spender aus Europa. Sie alle unterstützen uns.

Ist es eigentlich ein großer Kulturschock wieder einmal in Südtirol zu sein?
Das Leben ist unglaublich organisiert hier. Zu jeder halben Stunde fährt ein Bus und er kommt auf die Minute pünktlich. Das bin ich nicht gewohnt. Dennoch ist es nach den schönen Wochen hier an der Zeit, dass ich langsam wieder zurück nach Afrika fahre.

Werden Sie denn bis an Ihr Lebensende dort bleiben?
Ich bleibe so lange dort, solange ich etwas bewirken kann. Wenn ich den Menschen dort zur Last werde, gehe ich.

Weitere Infos:
www.combonisouthsudan.org/index.php/who-we-are/communities/lomin
www.comboni.de/ueberuns/personen/show_person.php?id=6

Spenden:
SBE-Soziale Brückenbau-Elektriker Vinzentinum
Raiffeisenkasse Eisacktal
IBAN: IT43 H 08307 58221 0004 004 55431
BIC: RZSBIT21007

Die Solidaritätsgruppe leitet die Spenden verlässlich an Bruder Fischnaller weiter.

Vortrag:
Südsudan – Ein Abend mit Bruder Erich Fischnaller
23. Mai 2016, 19.45 Uhr, Hausbar


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